GOOGLE FINDET MICH ZU BUNT

GOOGLE FINDET MICH ZU BUNT - Und vielleicht ist genau das der Punkt.

Wenn Google einen Menschen analysiert

Neulich habe ich etwas gemacht, das vermutlich viele von uns schon einmal gemacht haben. Ich habe Google gefragt, was es über mich denkt. Die Antwort fiel erstaunlich ausführlich aus. Zu bunt. Zu präsent. Zu viele verschiedene Welten. Fasnacht. Hochzeiten. Trauerfeiern. Hund. Reisen. Privatleben. Aus Sicht der Analyse wäre vieles einfacher, wenn jede dieser Welten ihren eigenen Platz bekäme. Ein Kanal für Trauer. Einer für Hochzeiten. Einer für Privates. Alles klar sortiert, eindeutig zugeordnet und auf den ersten Blick verständlich.

Beim Lesen musste ich schmunzeln.
Denn natürlich verstehe ich den Gedanken.

Wer auf der Suche nach einem Trauerredner ist, rechnet vermutlich nicht als Erstes mit einem Labrador. Zwischen einem Bild aus der Mannheimer Fasnacht und einer Trauerfeier liegen auf den ersten Blick einige Welten. Auch ein Foto von Sylt oder ein Abend mit Freunden passt in viele klassische Marketingkonzepte eher in die Rubrik „Privat“ als in die eines freien Redners.

Trotzdem blieb nach dem Lesen ein Gedanke hängen: 
Denn die Menschen, die später an meinem Tisch sitzen, kommen selten wegen eines Instagram-Profils.

Was in Gesprächen wirklich passiert

Seit vielen Jahren darf ich Menschen in besonderen Momenten begleiten. Manche sitzen vor mir, weil sie heiraten möchten. Andere kommen zu mir, weil sie gerade einen Vater, eine Mutter, einen Partner oder einen Freund verloren haben. Die Anlässe könnten unterschiedlicher kaum sein, doch die Gespräche verlaufen erstaunlich ähnlich.

Zu Beginn geht es fast immer um Organisatorisches. Termine werden abgestimmt. Musik wird besprochen. Fragen zum Ablauf werden geklärt. Langsam entsteht eine Atmosphäre, in der aus einem Kennenlernen ein Gespräch wird.

Dann verändert sich etwas.

Eine Tochter erzählt von einer Erinnerung, die sie seit Jahren begleitet. Ein Sohn spricht über einen Satz seines Vaters, der bis heute nachklingt. Eine Ehefrau beschreibt einen Blick, den nur sie kannte. Plötzlich sitzt man mitten in einem Leben. Zwischen großen Geschichten tauchen kleine Szenen auf. Zwischen Tränen entsteht ein Lächeln. Aus vielen einzelnen Puzzleteilen wächst nach und nach ein Bild.

Genau dieser Moment fasziniert mich bis heute.

Oft liegen zwischen dem ersten Besuch auf meiner Website und unserem Gespräch nur wenige Tage. Manchmal beginnt alles mit einem Foto. Wenig später sitzt man gemeinsam an einem Tisch.

Aus einem ersten Eindruck wächst Vertrauen.

Danach sprechen Menschen über Erinnerungen, die sie seit Jahrzehnten in sich tragen. Über die Menschen, die sie geprägt haben. Über Entscheidungen, die vieles verändert haben. Über glückliche Zeiten, schwere Kapitel und über die kleinen Szenen, die bis heute geblieben sind. 

Warum Vertrauen nichts mit Perfektion zu tun hat

Vor einigen Tagen wurde mir das wieder besonders bewusst.

Während eines Gesprächs stellte mir jemand eine persönliche Frage zu einem eigenen Verlust in meinem Leben. Die Rede spielte in diesem Moment überhaupt keine Rolle. Auch die Musik, die Zeremonie oder der Ablauf standen längst im Hintergrund. Für einen Augenblick saßen sich einfach zwei Menschen gegenüber und sprachen über Erfahrungen, die verbinden.

Vielleicht liegt genau dort der Kern meiner Arbeit.

Handwerk spielt dabei eine wichtige Rolle. Erfahrung, Gesprächsführung und die Fähigkeit, aus vielen Erinnerungen eine Rede zu formen, die sich für Angehörige richtig anfühlt, wachsen über Jahre hinweg. Noch wichtiger sind die Momente dazwischen. Die Augenblicke, in denen aus einem Kennenlernen ein Gespräch wird und aus einem Gespräch etwas entsteht, das sich nur schwer beschreiben lässt.

Genau deshalb habe ich nie das Bedürfnis verspürt, verschiedene Versionen meiner selbst zu erschaffen. 

Der Mensch hinter der Rede

Bei einer freien Trauung erleben die Gäste denselben Ben, der morgens mit seinem Labrador Franz Joseph durch den Wald läuft. Am Küchentisch einer Familie sitzt derselbe Mensch, der am Wochenende mit Freunden zusammensitzt oder während der Fasnacht auf einer Bühne steht.

Anlässe kommen und gehen. Aufgaben wechseln. Mal geht es um einen Anfang, mal um einen Abschied. Das Leben zeigt sich dabei in all seinen Farben.

Der Mensch bleibt derselbe.

Vielleicht entsteht genau daraus die Verbindung, die viele Menschen spüren. Eine Website erzählt immer nur einen Ausschnitt. Ein Instagram-Profil zeigt einzelne Momente. Erst im Gespräch entsteht ein echtes Bild. Irgendwann wächst das Gefühl, dass die eigene Geschichte hier gut aufgehoben ist. Genau darum geht es.

Vielleicht sieht Google einen bunten Menschen. Damit kann ich gut leben. Während Suchmaschinen analysieren, bewerten und einordnen, sitzen irgendwo zwei Menschen an einem Tisch.

Einer erzählt seine Geschichte.
Einer hört zu.