Was Trauer mich über das Leben gelehrt hat

Was ich über das Leben gelernt habe, weil ich so vielen Menschen beim Abschied zuhöre.

Ich sitze nach einem Trauergespräch manchmal im Auto, mache die Tür zu und fahre erst einmal keinen Meter, sondern sitze einfach da und muss mir manchmal die Tränen aus dem Gesicht wischen.

Ich bin der Ben, der viel lacht, der gerne Menschen um sich hat und das Leben ziemlich gerne mag. Und ich bin derselbe Ben, der sich Geschichten von Menschen anhört, deren Leben gerade aus den Fugen geraten ist.

Manche dieser Geschichten sind schwer auszuhalten, weil ein Mensch viel zu früh stirbt – durch einen Unfall, einen Suizid oder eine Krankheit, bei der irgendwann alle gehofft haben und es am Ende trotzdem anders kam. Ich sitze mit Eltern zusammen, die ihr Kind beerdigen, und mit Kindern, die plötzlich ohne einen Elternteil weiterleben müssen.

Und dann gibt es diese anderen Gespräche, bei denen eine Oma mit 90 Jahren gestorben ist und ihre Enkel vor mir sitzen und erzählen. Erst von den großen Dingen, dann immer mehr von den kleinen: von Sätzen, die sie immer gesagt hat, vom Essen oder von irgendeiner Eigenart, über die plötzlich alle am Tisch gleichzeitig lachen.

Manchmal schreibt ein Enkelkind für die Beerdigung ein Lied, und während ich diesen Menschen zuhöre, denke ich oft: Da ist ziemlich viel richtig gelaufen. Nicht weil dieses Leben perfekt war, sondern weil ein Mensch offenbar sehr viel Liebe gegeben hat. Und jetzt, am Ende dieses Lebens, so viel davon wieder im Raum steht.

Ich habe aufgehört, Menschen in gut und schlecht einzuteilen.

Nach all den Jahren als Trauerredner ist eine Sache für mich ziemlich klar geworden: Es gibt kaum ein Leben, das sich am Ende sauber zusammenfassen lässt, weil Menschen widersprüchlich sind.

Jemand kann ein liebevoller Großvater gewesen sein und gleichzeitig ein schwieriger Vater. Eine Beziehung kann voller Liebe gewesen sein und trotzdem Verletzungen hinterlassen haben. Menschen treffen gute Entscheidungen und beschissene, sie kümmern sich umeinander, streiten miteinander, versöhnen sich – oder schaffen genau das ihr ganzes Leben lang nicht.

Und wenn ein Mensch stirbt, verschwindet das alles nicht einfach, sondern sitzt mit am Tisch.

Ich erlebe Familien, in denen alte Konflikte noch genauso spürbar sind wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Manchmal höre ich einen Satz wie: „Die Kinder haben sich ja auch nie gekümmert.“ Dann interessiert mich die Geschichte davor, denn meistens gibt es eine.

Es gibt mehrere Menschen in einer Geschichte und damit mehrere Wahrnehmungen. Dazu kommen Verletzungen, die irgendwann entstanden sind und von denen manchmal keiner mehr genau weiß, wann eigentlich. Vielleicht hat mich diese Arbeit deshalb vorsichtiger mit Urteilen gemacht, denn ein Mensch ist selten nur das, was wir gerade von ihm sehen.

Zuhören hat für mich eine andere Bedeutung bekommen.

Ich dachte früher wahrscheinlich auch, Zuhören bedeutet, jemanden ausreden zu lassen. Heute bedeutet es für mich viel mehr. Ich höre zu, frage nach und fasse irgendwann zusammen, was ich verstanden habe.

„Habe ich das richtig verstanden? War er so?“ Manchmal kommt sofort ein Ja, manchmal wird es still.

Und manchmal sitzt vor mir ein Mensch, der bis dahin völlig gefasst erzählt hat, bis ich eine Frage stelle und plötzlich die Tränen kommen, weil da gerade etwas ausgesprochen wurde, das vielleicht noch nie jemand so ausgesprochen hat.

Das sind Momente, in denen ich merke, welche Kraft ein Gespräch haben kann. Vielleicht ist genau das ein großer Teil meiner Arbeit: einen Raum zu schaffen, in dem Menschen erzählen dürfen, was wirklich war – auch das Schwierige, das Schräge und das Unfertige.

Denn ein Mensch braucht nach seinem Tod keine schönere Biografie.

Er braucht seine eigene.

Professionelle Distanz? Ich weiß bis heute nicht, wie das gehen soll.

Über Berufe, in denen man viel mit Tod und Trauer zu tun hat, wird gerne von professioneller Distanz gesprochen. Ich kann damit wenig anfangen, weil ich meine Gespräche mit nach Hause nehme.

Alle.

Natürlich bleiben manche stärker hängen. Manche Geschichten beschäftigen mich noch lange, und bei manchen Schicksalen gibt es auch nach Jahren Berufserfahrung keinen klugen Gedanken, mit dem man sie irgendwie ordentlich einsortieren könnte.

Manches tut einfach weh und manches ist einfach scheiße. Dann möchte ich es auch so stehen lassen dürfen.

Ich will bei einem Menschen sitzen und wirklich zuhören, und dafür muss mich interessieren, was er mir erzählt. Wenn es mich interessiert, macht es auch etwas mit mir. Deshalb brauche ich meine Auszeiten und die Menschen, die ich liebe, genauso wie Momente, in denen ich auftanke und mein eigenes Leben stattfindet, damit ich mich beim nächsten Gespräch wieder an einen Tisch setzen und wirklich da sein kann.

Ich habe viel über Familien gelernt. Auch über meine eigene.

An diesen Tischen habe ich verstanden, wie wichtig es ist, miteinander zu reden. Und auch wenn das banal klingt, ist es das offensichtlich nicht, denn ich sehe, was passiert, wenn Menschen es jahrelang nicht tun.

Unausgesprochene Sätze verschwinden selten von selbst. Verletzungen können erstaunlich lange leben, und manchmal kommt der Moment, an dem etwas ausgesprochen werden müsste, schlicht zu spät.

Das Wissen macht mich in meinem eigenen Leben übrigens keineswegs zum Kommunikationsweltmeister, denn auch mir fällt es manchmal schwer, Dinge anzusprechen. Vielleicht ist genau das eine der ehrlichsten Erkenntnisse aus meiner Arbeit: Etwas zu wissen bedeutet noch lange nicht, es immer richtig zu machen.

Aber ich merke schneller, wenn mir etwas wichtig ist.
Und ich sage Menschen häufiger, dass ich sie liebe.

Was am Ende übrig bleibt.

Nach so vielen Lebensgeschichten könnte man meinen, ich hätte inzwischen herausgefunden, wie man ein gutes Leben führt.

Habe ich nicht.

Ich habe Menschen kennengelernt, die vieles richtig gemacht haben und trotzdem schwere Zeiten erlebt haben, während andere Fehler gemacht haben und trotzdem geliebt wurden. Ich habe Familien erlebt, die eng miteinander verbunden waren, und Familien, in denen der Tod plötzlich sichtbar gemacht hat, wie weit Menschen sich voneinander entfernt hatten.

Was ich dabei gelernt habe, ist etwas anderes: Die meisten Menschen wurden geliebt.

Vielleicht anders, als sie es sich gewünscht hätten, vielleicht komplizierter, als es in einen schönen Satz passt, manchmal mit Brüchen und manchmal so selbstverständlich, dass zu Lebzeiten kaum jemand darüber gesprochen hat.

Und genau deshalb haben mich all diese Abschiede auch in meinem eigenen Leben verändert, denn mir ist Zeit wichtiger geworden: Zeit mit Menschen, die ich liebe, ein Gespräch, das man heute führen kann, ein Satz, den jemand heute hören kann, oder ein Moment, bei dem man auch einfach mal merkt: 
Gerade ist es gut.

Ich weiß durch meinen Beruf ziemlich genau, dass diese Zeit irgendwann vorbei ist. Wann, weiß keiner von uns.

Vielleicht ist das die eine Sache, die ich nach all den Geschichten wirklich weitergeben möchte:

Lebe. Nutze diese fucking Zeit.

Verbring weniger davon mit Streit, der irgendwann wichtiger geworden ist als der Mensch, um den es eigentlich ging, und leb dein Leben so, dass es zu dir passt.

Denn irgendwann sitzen vielleicht Menschen an einem Tisch und erzählen von dir. Und dann geht es erstaunlich selten darum, ob du alles richtig gemacht hast.

Es geht darum, wie es sich angefühlt hat, dich im Leben zu haben.

Ben Pandolfi · Freier Redner und Trauerredner in Mannheim

Ben Pandolfi begleitet als freier Trauerredner in Mannheim und der Metropolregion Rhein-Neckar seit vielen Jahren Menschen beim Abschied. In seinen Trauerreden geht es um den Menschen, der gestorben ist: um seine Geschichte, seine Beziehungen und auch um die Widersprüche, die zu einem Leben gehören.