Spottbillig beerdigt

Was ist eine gute Trauerrede eigentlich wert?

Bei einer Beerdigung wird über vieles gesprochen. Über den Sarg oder die Urne. Über Blumen. Über Musik. Über den Friedhof.

Irgendwann auch über die Kosten. Das gehört dazu.

Und es gibt Menschen, für die eine Beerdigung finanziell eine enorme Belastung ist.

Was mich nach vielen Jahren als Trauerredner beschäftigt, ist etwas anderes:
An welcher Stelle beginnen wir eigentlich, am Abschied eines Menschen zu sparen? Und wer entscheidet darüber?

Ein Abschied hat ein Budget

Ich erlebe Familien mit völlig unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten. Manche müssen sehr genau rechnen. Andere weniger.

Im Trauergespräch spielt das irgendwann kaum noch eine Rolle.

Da erzählt eine Tochter von ihrer Mutter. Ein Mann von seiner Frau. Geschwister erinnern sich an früher und plötzlich fällt ihnen eine Geschichte ein, an die sie seit Jahren nicht mehr gedacht haben.

Es wird gelacht. Es wird still. Manchmal wird diskutiert, weil jeder diesen Menschen ein bisschen anders erlebt hat.

Und genau daraus entsteht eine Trauerrede.

Zwanzig Minuten für ein ganzes Leben

Für mich beginnt eine Trauerrede lange vor dem Moment, in dem ich am Tag der Beerdigung vorne stehe.

Ich höre zu. Ich frage nach. Ich versuche zu verstehen, wer dieser Mensch für die Menschen war, die gerade vor mir sitzen.

Danach schreibe ich.

Ich sortiere Geschichten und entscheide, was Raum bekommen soll. Ich suche nach den richtigen Worten für Dinge, für die Familien selbst manchmal gerade keine Worte haben.

Am Ende bleiben vielleicht zwanzig Minuten Rede.

Aber diese zwanzig Minuten erzählen von einem ganzen Leben.

Deshalb irritiert mich, wie schnell ausgerechnet bei einer Trauerrede hauptsächlich über den Preis gesprochen wird. Besonders dann, wenn Menschen wenig Geld zur Verfügung haben.

Wer entscheidet, was eine Familie sich leisten darf?

Da entsteht schnell ein gut gemeinter Gedanke: Das können die sich vermutlich sowieso nicht leisten.

Und damit entscheidet plötzlich jemand über den Wert eines Abschieds, bevor die Familie selbst überhaupt eine Entscheidung treffen konnte.

Finanzielle Möglichkeiten sagen etwas über ein Budget aus. Wie wichtig einer Familie eine persönliche Trauerrede ist, steht auf einem anderen Blatt.

Vielleicht möchte jemand genau dort investieren und dafür an anderer Stelle weniger ausgeben. Vielleicht entscheidet sich eine Familie für eine günstigere Lösung. Beides ist ihre Entscheidung.

Schwierig wird es für mich bei der Vorauswahl: Für diese Menschen reicht die günstigere Lösung.

Denn darin steckt auch eine Vorstellung davon, welchen Abschied man einem Menschen zugesteht.

Was macht eine gute Trauerrede aus?

Ich möchte einen anderen Maßstab anlegen: Wie sorgfältig wird die Geschichte dieses Menschen erzählt? Wie viel Zeit nimmt sich jemand für die Angehörigen? Wie genau hört er hin? Wie individuell entsteht die Rede? Welche Erfahrung bringt er mit?

Ein hoher Preis allein macht keinen guten Trauerredner. Ein niedriger Preis sagt ebenso wenig automatisch etwas über die Qualität aus.

Qualität hat einen Wert.

Eine Trauerrede ist für mich kein Programmpunkt zwischen zwei Musikstücken. Manchmal ist sie das letzte Mal, dass die Geschichte eines Menschen vor seiner Familie und seinen Freunden erzählt wird.

Das verdient Sorgfalt – unabhängig davon, wie viel Geld dieser Mensch hinterlässt oder welches Budget seine Familie zur Verfügung hat.

Was ist uns ein guter Abschied wert?

Vielleicht sollten wir deshalb bei Beerdigungen weniger darüber nachdenken, wie billig etwas sein kann, und häufiger darüber, was uns ein guter Abschied wert ist.

Ein guter Abschied muss nicht teuer sein. Aber die Entscheidung darüber, was wichtig ist, sollte bei den Menschen liegen, die Abschied nehmen.

Denn am Ende geht es nicht darum, möglichst viel Geld auszugeben. Es geht darum, einem Menschen noch einmal den Raum zu geben, den seine Geschichte verdient.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen billig und preiswert.

Ben

Ben Pandolfi · Freier Redner und Trauerredner in Mannheim

Ben Pandolfi begleitet als freier Trauerredner in Mannheim und der Metropolregion Rhein-Neckar Familien beim Abschied. In seinen persönlichen Trauerreden erzählt er die Geschichte eines Menschen individuell, ehrlich und mit dem Raum für all das, was zu diesem Leben gehört.