Das letzte Wort

Das letzte Wort

Eine Netflix Serie mit Anke Engelke

Als Trauerredner habe ich natürlich mit Spannung die neue Serie „Das letzte Wort“ mit Anke Engelke erwartet. Im September 2020 war die Premiere auf Netflix. Ich habe alle sechs Folgen in einem Rutsch durchgeguckt. Oft habe ich den Kopf geschüttelt, manchmal war ich tief gerührt und manchmal habe ich gesagt: „JA, genau das erlebe ich in meiner täglichen Arbeit als Trauerredner im Raum Mannheim auch!“

Natürlich ist vieles überspitzt und übertrieben dargestellt, aber es ist ja auch eine Netflix-Produktion, die unterhalten soll. Die Menschen zum Lachen bringen soll. „Das letzte Wort“ regt jedoch definitiv zum Nachdenken an. Was ist wirklich wichtig im Leben? Worauf legen wir unseren Fokus? Wie gehen wir mit einem Thema um, das einfach jeden betrifft? Jeden Einzelnen von uns? Wie einfach fällt es uns loszulassen?

Ich finde es großartig, dass mit dieser Idee das Berufsbild des Trauerredners den Weg in die Unterhaltungsmedien gefunden hat. An der einen oder anderen Stelle habe ich mich gefragt: Oh mein Gott, wie wird sie das jetzt lösen? Wie hätte ich das gemacht? (zum Beispiel in der Szene, in welcher Karla Fazius gemeinsam mit den Eltern des Verstorbenen Abschied von einem Tierquäler nimmt).

Als ich als Trauerredner angefangen habe, habe ich ähnliche Erfahrungen, wie die Figur Karla Fazius gemacht. Nicht jedes Bestattungsinstitut hat auf mich gewartet bzw. war offen für eine Zusammenarbeit. Es ist immer wieder von neuem eine Herausforderung, sich zu bewähren. Menschen zu finden, die bereit sind, neue Wege zu gehen.

Ich möchte in diesem Blog-Artikel auf fünf Aussagen aus der Serie „Das letzte Wort“ eingehen und diese in Relation mit meiner täglichen Arbeit bringen:

„Das darf nicht irgendeine Beerdigung sein. Es muss besonders sein. Das darf nicht sein, dass die Menschen einfach nur weg wollen.“

Das sehe ich zu 100 % genauso. Wie oft ist man schon in einer Trauerhalle gesessen und hat sich gedacht: „Ich will hier raus! Was redet dieser Mensch da“. In meinen Trauerfeiern versuche ich immer die Geschichte des Verstorbenen so zu erzählen, wie er eben war. Natürlich ist das eine große Herausforderung, da ich den Menschen nicht gekannt habe. Oft habe ich nur ein Foto des Verstorbenen gesehen. Deswegen ist es mir so wichtig, mir Zeit für das Vorgespräch zu nehmen. Die richtigen Fragen zu stellen. Zwischen den Zeilen mithören, neugierig und interessiert zu sein, liegt mir extrem am Herzen. Denn die Menschen wissen, wie der Mensch war, den sie betrauern. Sie haben ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen. Jeder auf seine individuelle Art. Es gibt nie die absolute Wahrheit und immer verschiedene Perspektiven. Deswegen ist es aus meiner Sicht essentiell, immer mehrere Angehörige zu befragen. Wie war der Mensch als Vater? Wie als Freund? Wie als Kollege? Wie als Führungskraft? Ich ermutige die Menschen dazu, mir immer alle Sichtweisen zur Verfügung zu stellen. Denn dann bekomme ich ein Bild des Verstorbenen – mit allen Ecken und Kanten. Jemand kann eine super Führungskraft gewesen sein, war aber deswegen als Vater vielleicht sehr wenig präsent. Hier frage ich auch oft: Was hätten Sie sich denn gewünscht? Was waren Hobbies und Leidenschaften? Was hat den Menschen ausgemacht und was hat außerordentlich großen Spaß gemacht?

Ich bin davon überzeugt, dass es unter Anderem genau diese Vorarbeit ist, die es möglich macht, dass die Beerdigung eben nicht irgendeine Beerdigung wird. Sondern etwas Besonderes und JA auch schön (siehe auch meinen Beitrag: „Darf eine Trauerfeier schön sein?“).

Vor einigen Wochen hatte ich eine wunderschöne Trauerfeier. Die Tochter des Verstorbenen hat sich sehr viele Gedanken gemacht. Ihr Vater hat den Wald geliebt. Die Tochter hat selbst mit einer Freundin sehr lange die Trauerhalle dekoriert. Mit vielen Elementen des Waldes. Dinge, die sie auf der Spazierstrecke ihres Vaters gesammelt hat: Blumen, Zweige, Holzteile, Erde. All das haben wir in die Trauerfeier integriert. Ihr Vater war bekannt dafür, dass er überall Post-Its mit Smiley hinterlassen hat. Bei der Abschiednahme hatte dann jeder Gast die Möglichkeit ein Post-It mit einem Smiley auf dem Sarg zu hinterlassen. Wir haben Luftballons steigen lassen. Die Trauergesellschaft war bunt angezogen und wurde am Abschied aktiv beteiligt.

Auf einer anderen Trauerfeier hat sich die Familie in einem Vereinsheim getroffen. Die Atmosphäre eines Familienfestes geschaffen. Die Trauerfeier wurde mit einer bewegenden Fotoshow mit Bildern aus dem Leben des Verstorbenen untermalt. Die Tochter hat neben meiner Rede selbst noch eine Rede vorbereitet und wir haben würdevoll getrauert. Es wurde gelacht und geweint. Denn das hat das Leben ausgemacht. Wir feiern das Leben. Deswegen sollten Trauerfeiern auch lebensbejahend sein.

Das waren jetzt nur zwei kleine Beispiele aus meinem Alltag. Ich mache jedem Mut dazu, neue Wege zu gehen und eine Trauerfeier zu gestalten, die zu dem Menschen passt, den wir lieben. Egal, was die Leute denken oder sagen. Genau dann wird sie besonders. Genau, wie es der Menschen eben auch war.

„Ist bei Ihnen auch jemand gestorben oder warum stehen Sie hier in dieser gebückten Haltung?“

Diese Frage stellt Karla Fazius dem Bestatter, als er den Leichnam ihres Mannes abholt. Hier musste ich unwillkürlich lächeln. Oft passiert es, dass man aus Pietätsgründen denkt, eine besondere Haltung einnehmen zu müssen. Hier kann ich nur sagen, seid immer Ihr selbst. Mitfühlend und bei den Menschen. In Eurer Kraft und in Eurer natürlichen Art. Das werden die Angehörigen schätzen, die ohnehin in einer solchen Situation sehr sensibel auf alles reagieren. Da kann schon ein falscher Blick Auslöser für ein unangenehmes Gefühl sein.

Das Feedback eines Angehörigen hat mich sehr bewegt. In der Dankeskarte an mich stand: „Lieber Ben, wir möchten uns recht herzlich bedanken für die treffenden Worte. Ein weiteres Dankeschön für die Begleitung auf dem kurzen und doch schweren Weg der Trauerbewältigung. Vielen Dank für Deine Offenheit, Deine Freundlichkeit und Dein Humor.“ Dieses Feedback hat mich sehr bewegt, denn ich war in dem Gespräch ganz ich selbst. Offen, freundlich und humorvoll. Ist das pietätslos? Ich sage Nein. Denn es ist wichtig bei den Menschen zu sein und sie ganz normal zu behandeln. Mit allem Respekt und allem Mitgefühl, aber dennoch echt.

„Wollen Sie damit sagen, dass dieses Gedicht zu jeder Trauerfeier passt?“

Karlas Frage an ihren Seminarleiter. Auch ich glaube, dass es kein einziges Gedicht gibt, das immer passt, denn die Geschichte jedes Menschen ist anders. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Übrigens kann man als Trauerredner auch sehr gute Ausbildungen absolvieren. Ich habe meine Ausbildung bei freieredner.com gemacht. Habe ein IHK – Prüfung und eine EU-Personenzertifizierung bei der Wirtschaftskammer Österreich abgelegt. Hier wurde ich sehr gut für die Trauerarbeit vorbereitet.

„Bei der Trauer gibt es kein richtig oder falsch.“

Das ist richtig. Wir reagieren alle anders. Alle Gefühle sind erlaubt. Alles muss Raum haben dürfen. Das zu werten oder zu bewerten, steht niemandem von uns zu.

„Man kriegt Sie nie alle!“

Das ist die Feststellung, die Karla nach der einen oder anderen Trauerfeier macht. Mal hat sie die Eltern nicht erreicht, mal andere Angehörigen.
Auch das gibt es in meiner Arbeit. Es gibt Menschen, die hätten sich für den Verstorbenen lieber eine traditionelle, kirchliche Beerdigung gewünscht. Andere können mit den gezeichneten Bildern oder der Atmosphäre auf der Trauerfeier nichts anfangen. Andere vielleicht mit mir als Redner.
Aber auch hier ist die Devise: Wir machen das so, wie sich das der engste Kreis der Familie gewünscht hat. Wie sich das der Verstorbene selbst gewünscht hat. Das gefällt vielleicht nicht allen. Doch gefällt immer allen, was wir in unserem Leben für Entscheidungen getroffen haben? Warum sollte das bei der Trauerfeier anders sein?

Alles in allem finde ich, dass es sich lohnt „Das letzte Wort“ anzuschauen. Ich freue mich auf eine 2. Staffel.
Ich denke, dass es zu dem Thema Trauer noch so viel zu sagen gibt. Lasst uns drüber reden. Solange wir unsere Liebsten im Herzen tragen, werden sie nie vergessen werden.

 

Das letzte Wort – hier noch ein kurzer Überblick zur Handlung:
Kurz nach der Silberhochzeit von Karla und Stefan Fazius stirbt Stefan plötzlich und Karla bleibt mit den beiden Kindern alleine zurück. Im familiengeführten Beerdigungsinstitut von Bestatter Andreas Borowski bereitet Karla eine pompöse Beerdigung vor. Noch vor der Beerdigung stellt sich jedoch heraus, dass ihr Mann schon seit zwei Jahren nicht mehr als Zahnarzt gearbeitet, sondern nur vorgetäuscht hatte, in die Praxis zu gehen, wenn er morgens die Wohnung verließ. Nachdem sie in den Unterlagen ihres Mannes einen Mietvertrag über eine Garage findet, fährt Karla dort vorbei und entdeckt ein vollausgestattetes Atelier. Geprägt von diesen Eindrücken fährt sie zur Beerdigung ihres Mannes und hält die Trauerrede. Sie trifft den Entschluss, Trauerrednerin zu werden, und wird nach anfänglicher Skepsis bei Borowski angestellt. Fortan begleitet sie gemeinsam mit Borowski Hinterbliebene bei ihrem Abschied von einem geliebten Menschen; privat verbringt sie viel Zeit im Atelier und führt dort Zwiegespräche mit ihrem verstorbenen Mann.

Toll gespielt in „Das letzte Wort“ haben:
Anke Engelke
Thorsten Merten
Nina Gummich
Johannes Zeiler
Aaron Hilmer
Claudia Geisler-Bading
Gudrun Ritter
Juri Winkler

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_letzte_Wort_(Fernsehserie)